
Die Geschichte des "klugen Hans"
Berlin im Jahr 1904: Auf dem Hinterhof in der Griebenowstraße 10 hat sich eine illustre Gesellschaft eingefunden. Sie besteht aus einem der wichtigsten Psychologen seiner Zeit, dem hoch geachteten Philosophieprofessor Carl Stumpf, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, samt Mitarbeitern, dem damals sehr bekannten Zirkusdirektor Paul Busch, dem Zoodirektor Ludwig Heck, einem renommierten Tierarzt und anderen Experten. Die Herren sind hier auf Wunsch Seiner Majestät des Kaisers, also wird es sich wohl um eine Haupt- und Staatsaktion handeln? Nicht so ganz. Die Kommission wurde eingesetzt, um die Rechenkünste eines - Pferdes! zu examinieren.
Ein tierisches Genie?
Dass sein "Kluger Hans" rechnen kann, davon ist der pensionierte Lehrer Wilhelm von Osten fest überzeugt. Schließlich hat er ihm diese Kunst im Hof seines Hauses selbst beigebracht. Und nicht nur das: Hans kann auch lesen, Farben unterscheiden, musikalische Dreiklänge bestimmen, Personen auf Fotografien erkennen, die Uhr lesen und vieles mehr.
Schon bald war der kluge Hans weltberühmt - offensichtlich ein Beweis für die Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit eines Tieres. Eine wissenschaftliche Sensation? Oder war es doch nur ein fauler Trick, eine geschickte Dressur? Diese Frage sollte an diesem und den folgenden Tagen im Hinterhof des Hauses Griebenowstraße 10 geklärt werden

Die Kommission staunt
Hans, ein schwarzer Orlow-Traber, sieht auf den ersten Blick aus wie ein ganz gewöhnliches Kutschpferd. Versteckt sich unter dieser schwarzer Mähne ein tierisches Genie? Von Osten ist davon überzeugt: "Hans, wie viel ist drei plus neun?" Hans antwortet auf seine Art, er scharrt mit dem rechten Huf: Einmal, zweimal ... bei zwölf hält er inne. 12, die richtige Lösung! Weitere Aufgaben folgen und siehe da, Hans beherrscht nicht nur die Addition und Subtraktion, er kann auch multiplizieren und dividieren, sogar die Bruchrechnung und die Bestimmung von Zahlen bis zur dritten Potenz sind für ihn kein Problem. Allgemeines Staunen, die Herren der Kommission werfen sich bedeutsame Blicke zu.
Auch die Lesekünste des Wunderpferds sind beeindruckend. Hans bekommt ein Wort genannt oder sogar einen ganzen Satz und buchstabiert diesen, indem er wiederum mit dem Huf klopft.
Dazu hat von Osten eine spezielle Buchstabiertafel entwickelt. Und wiederum staunt die Prüfungskommission: Der Hengst buchstabiert fehlerfrei Sätze wie "Brücke und Steg sind vom Feinde besetzt" oder "Guten Morgen Frau Gräfin Schlieffen".
Das kann kein Zufall sein!
Aber die Prüfungskommission bleibt kritisch, dazu ist sie hier. Insbesondere Zirkusdirektor Busch weiß, was man mit Dressur bei einem Tier alles erreichen kann. Um auszuschließen, dass von Osten seinen Hans mit geheimen Zeichen lenkt, übernimmt ein Mitglied der Kommission die Rolle des Befragers, von Osten wird aus dem Blickfeld des Tieres entfernt. "Hans, aufgepasst, wie viel ist zweimal vier?" Wieder beginnt Hans mit dem Huf zu klopfen: eins, zwei ... bei acht ist Schluss. Auch andere Aufgaben löst Hans mit Bravour ohne die Mitwirkung seines Lehrmeisters. Das kann kein Zufall sein!
Und so wurde am 12. September 1904 ein seltsames Gutachten unterschrieben. Die "Hans-Kommission", wie die dreizehn Unterzeichner genannt wurden, hielt fest, dass von Osten keine Tricks anwende. Weder bewusst noch unbewusst sollen Hans Zeichen gegeben worden sein. Es stehe fest, "dass es sich hier um einen Fall handelt, der von allen bisherigen, dem äußeren Anschein nach ähnlichen Fällen prinzipiell verschieden ist". War dies endlich die Gewissheit? Können Pferde doch denken?
Alles fauler Zauber?
Nicht alle waren davon überzeugt. Der Berliner Journalist Fedor Freund hatte sich seine eigenen Gedanken über das Wunderpferd gemacht. Wieso, fragte sich Freund, kann Hans Wörter orthografisch korrekt buchstabieren, bei denen Aussprache und Schreibweise auseinanderfallen? Zum Beispiel den Namen "Schlieffen" in dem ominösen Satz "Guten Morgen Frau Gräfin Schlieffen". Warum hatte Hans nicht "schlifen" buchstabiert, so wie der gräfliche Name auch ausgesprochen wird? Und woher sollte Hans wissen, dass das gesprochene Wort "tresko" als Name "Treskow" geschrieben wird? Das "w" am Ende ist stumm, da gibt es nichts zu hören. Trotzdem buchstabiert Hans auch das nur im geschriebenen Wort vorkommenden "w".
Noch mehr Experimente
Auch einem Mitglied der wissenschaftlichen Kommission lässt das Phänomen "Kluger Hans" keine Ruhe. Oskar Pfungst, Psychologieassistent und Doktorand bei Carl Stumpf, bittet darum, noch einige Untersuchungen mit Hans vornehmen zu dürfen. Seine Überlegung: Wenn Hans die ihm gestellten Aufgaben tatsächlich aus eigenem Vermögen lösen kann, dann macht es keinen Unterschied, ob auch der Fragesteller die Lösung kennt oder nicht. Hans soll nun eine Zahl erkennen, die auf einer Tafel steht, die Pfungst im zeigt. Pfungst weiß, um welche Zahl es sich handelt. Hans beginnt mit dem Huf zu klopfen, hört auf - richtig! Nun zeigt der Experimentator dem Tier eine andere Tafel, diesmal weiß er selbst nicht, welche Zahl darauf notiert ist. Wieder scharrt Hans mit dem Huf, scharrt und scharrt - diesmal hat sich das Wunderpferd schwer verrechnet. Pfungst variiert diese Versuche und das Ergebnis ist eindeutig: Wenn der Experimentator die Zahlen kennt, liegt die Trefferquote bei 98 Prozent, wenn nicht, bei 8 Prozent. Noch deutlicher fällt der folgende Versuch aus: Hans bekommt Scheuklappen, bzw. der Befrager steht nicht im Sichtfeld des Pferdes. Nun versagt Hans auch bei den einfachsten Aufgaben völlig. Oskar Pfungst schließt daraus, und dem schließt sich auch der Kommissionsvorsitzende Carl Stumpf an: Nur wenn Hans Menschen sehen kann, die die Antwort wissen (z. B. seinen Besitzer Wilhelm von Osten oder das Publikum), nur dann kann er auch "rechnen".
Hans versteht die Zeichen zu deuten
Ein Schwindler und Scharlatan ist Hans" Besitzer, Wilhelm von Osten, deshalb allerdings nicht, auch das stellt Pfungst klar: Hans beherrschte zwar nicht die Mathematik und kann auch nicht lesen, aber dafür kann er feinste Nuancen in Gesichtsausdruck und Körpersprache seines menschlichen Gegenübers deuten. Unwillkürlich nahmen die Fragesteller vordem entscheidenden "korrekten" Klopfen des Pferdes eine gespannte Haltung ein, nach der "richtigen Antwort" drückten sie mit ihrer Körpersprache unbeabsichtigt Signale der Erleichterung aus, die der Kluge Hans in etwa 90 Prozent aller Fälle wahrnahm und entsprechend reagierte. Dies funktionierte natürlich nur, wenn der Fragesteller die Antwort auch selbst wusste.
Das Rätsel ist gelöst
Für die Wissenschaftler war damit das Rätsel um den klugen Hans gelöst. Wilhelm von Osten suchte jedoch weiterhin die Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit von Pferden zu beweisen. Hans musste z. B. im Dunkeln rechnen, wenn von Osten selbst nicht im Raum war oder die Antwort nicht kannte. Nach seinem Tode setzte der Elberfelder Juwelier und Kaufmann Karl Krall diese Versuche fort. Krall richtete dazu ein eigenes "psychologisches Laboratorium" für Pferde und einen "Stall für Unterrichtszwecke" ein, in denen er Pferden, zwei Eseln, einem Pony sowie einem Elefanten das Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Fremdsprachen und diverses andere beizubringen versuchte. Obwohl er große Erfolge meldet, wird sein 540 Seiten starkes Buch "Denkende Tiere" nur mäßig beachtet. Wissenschaftlich überprüft wurden seine Versuche nie.
Der "Kluger -Hans -Effekt"
1907 veröffentlicht Oskar Pfungst seine Studie über den "Klugen Hans". Der von ihm entdeckte Untersuchungsfehler ging als "Kluger-Hans-Effekt" nicht nur in die Tierpsychologie, sondern auch in die Wissenschaftsgeschichte ein und löste eine bis heute nicht abgeschlossene Diskussion sowie weitere Forschungen über die Reaktion auf unbewusste Körpersignale aus.
Und was wurde aus Hans, dem Orlow- Traber? Ihm hat der ganze Ruhm und das ganze Aufsehen, das um ihn herum veranstaltet wurde, nichts gebracht. Sein letzter Besitzer, Karl Krall, schließt aus finanziellen Gründen 1916 seinen Versuchsstall. Die Pferde, darunter auch der Kluge Hans, werden als Packrösser an das Militär verkauft. Hans" Spuren verlieren sich auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.
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